Regenbogennarben

Die Frage nach den Rechten für Homosexuelle beantwortet man in Westanatolien mit Steinen. Ein historischer Wurf. Vor wenigen Jahren hätte noch niemand zu fragen gewagt.

aus Datum (08/06)

Als der erste Knall durch den Polizeibus hallt, werfen sich Lesben und Schwule, Transvestiten und Transsexuelle zu Boden. Stille. War es ein Schuss? Ist jemand getroffen? Plötzlich setzt der Steinhagel ein, und mit ihm die Schreie. Draußen schreien sie aus Hass, drinnen aus Angst. Die Fensterscheiben dazwischen scheinen zu halten. Nach wenigen Sekunden lässt der Bus die in grün-weiß gestreiften Fußballtrikots gekleideten Türken hinter sich. Die aufgebrachte Meute läuft noch ein Stück hinterher, bis sie langsamer und langsamer wird.

Der Busfahrer setzt sich wieder aufrecht hin, zündet sich eine Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug. Er bringt die rund dreißig Personen, die aus Istanbul und Ankara gekommen waren, in Sicherheit. Fort aus Bursa, wo sie an diesem Tag gemeinsam mit ihren gleich gesinnten Freunden eigentlich Geschichte hatten schreiben wollen. Und es womöglich auch getan haben. Wie immer bei historischen Ereignissen begann alles harmlos. Relativ.

Im türkischen Fernsehen hat man für diesen Sonntag den heißesten Tag des Jahres angekündigt. Am Abend steht für Bursaspor, den lokalen Fußballklub, gegen Ankara das erste Match in der heurigen Meisterschaft an. Und der „Bursa Gökkucag¦“ (Regenbogen), die örtliche Organisation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transvestiten und Transsexuellen, hatte für heute angekündigt, gegen eines der letzten Tabus in der Türkei auf die Straße zu gehen. Es wäre die erste öffentliche Demonstration ihrer Art außerhalb von Istanbul und Ankara gewesen.

Vor nicht allzu langer Zeit und vor der Aussicht auf einen EU-Beitritt wäre das unvorstellbar gewesen. „Bursa ist die Stadt der osmanischen Sultane, die es nicht verdient, von diesen verdammten Menschen lächerlich gemacht zu werden“, ließ Fevzinur Dundar die Öffentlichkeit am Tag vor der Demonstration wissen. Der Chef der hiesigen Handelsvereinigung, gleichzeitig Sponsor des Fußballklubs Bursaspor, machte klar, dass „wir sie vom Marschieren abhalten werden“. Wenn sie nicht gelyncht werden sollten, müssten Politiker und Polizisten sie davon abhalten.

Keine sechs Jahre ist es her, dass Homosexuelle in der Türkei erstmals trotz solcher Drohungen öffentlich für ihre Rechte demonstrierten. „Es findet ein Fortschritt statt. Das merkt jeder“, sagt Öner auf der Fahrt nach Anatolien. Er ist gemeinsam mit seinen Freunden aus Istanbul gekommen. Der schlicht gekleidete Mann mit dem Zweitagebart ist 34, unterrichtet an einer öffentlichen Schule und ist schwul. Noch 1995, erzählt er, sei der Fernsehsender Kanal 6 vom zuständigen „Hohen Rat für Radio und Fernsehen“ für einen Tag abgeschaltet worden, nachdem dort erklärt worden war, im Parlament ließen sich Schwule finden. „Aber selbst wenn die Menschen hier ihre Augen verschließen: Schwule und Lesben gibt es überall“, sagt Öner. Wo sie auch durchkommen, sorgt der Anblick der bunten Truppe für Irritationen. Die Aktivisten tragen Fahnen und Plakate bei sich.

Die älteren Türken am Straßenrand wissen nicht, wie sie auf Männergestalten, unter deren engen Frauenkleidern sich bare Brüste abzeichnen, reagieren sollen. Also machen sie einfach große Augen. Schüchterne Mädchen schmunzeln, während halbstarke Burschen unverhohlen lachen. Dieselben Reaktionen also wie überall sonst in Europa auch. Allerdings kam es während der vergangenen Monate in Estland, Lettland und Russland auch zu zahlreichen gewalttätigen Übergriffen auf Homosexuelle.

Der Empfang in Bursa gerät nicht herzlich. „Hier kommt ihr nicht raus, ihr werdet sterben!“, schreien zwei-, dreihundert Menschen auf den Straßen. Es ist zwei Uhr nachmittags. Eigentlich sollten die Schwulen-Aktivisten jetzt dort stehen, wo sich eine homophobe Masse breit gemacht hat. Manche haben ihren Spaß dabei. Die meisten sind aber stinksauer. „Du bist Ausländer, du verstehst das nicht“, sagt einer aus der Spaßfraktion höflich, bevor er wieder in den Chor mit einstimmt.

Die andere Straßenseite belagern mehrere hundert Polizisten. Sie haben den Eingang zu dem Gebäude dichtgemacht, in dem die Gökkucag¦ in Bursa ihr Büro hat. Die Aktivisten von außerhalb werden ins Gebäude geschleust. Wer wieder rauswill, wird festgenommen, lautet der Befehl. Im Erdgeschoss drängen sich rund sechzig Aktivisten. Sie diskutieren mit den Polizisten und untereinander. Die einen wollen ihre Rechte einfordern, die anderen nicht sterben. Nach einer halben Stunde geben sie nach und ziehen sich ins Büro zurück.

Gökkucag¦ ist erst seit März eine rechtlich anerkannte Organisation. Geht es nach dem Gouverneur von Bursa, soll die Vereinigung schon bald wieder verboten werden. Ein entsprechender Antrag wird gerade bei Gericht behandelt. Die Organisation sei mit „Moral und Werten der Familie“ nicht vereinbar. Im Gegensatz zu den meisten anderen muslimischen Ländern ist Homosexualität in der Türkei allerdings nicht verboten. Auch weil sie hier eine gewisse Tradition hat. Bereits im osmanischen Reich unterhielten Männer in Frauenkleidern, so genannte „Köceks“, Gesellschaften. Im Harem der Herrscher gab es mit den „Oglanliks“ gesonderte Bereiche für junge Männer. Eine Tradition, von der man in Bursa nichts wissen will.

Die in Westanatolien, rund 90 Kilometer südlich von Istanbul gelegene Stadt ist mit 1,6 Millionen Einwohnern die viertgrößte des Landes. An ihrem Hausberg Uludag befindet sich das größte Skigebiet der Türkei, außerdem hat man hier den heute weit über die Grenzen hinaus beliebten Iskender Kebab erfunden. Dass Bursa seit Jahren in weiten Teilen des Landes als „Stadt der Schwulen“ berüchtigt ist, will man nicht hören; wie es dazu kam, nicht wissen.

Gerade dieses pikante Detail aber hat der Gökkucag¦ in einer Vorankündigung zur Demo bemüht und damit, gewollt oder nicht, die Menge zum Gegenbeweis aufgerufen. „Heute habe ich wieder die Fratze des Faschismus und des Patriarchats gesehen“, sagt Eylem, eine 24-jährige Frau im Körper eines Mannes, mit Bartstoppeln und zögernden Bewegungen, zurück in der stickigen Zweizimmerwohnung von Gökkucag¦. Auf der anderen Seite des Gebäudes warten weiter die Gegendemonstranten, doch hier kann man sie nicht hören.

Dennoch sind die Aktivisten in den rosa und grün ausgemalten Räumen aus Nervosität ständig in Bewegung. Vor wenigen Minuten hat jemand einen Stein bis in den siebenten Stock heraufgeworfen. Klopft es an der Tür, versuchen gleich drei gemeinsam, durch den Spion zu lugen. Viele derer, die heute da sind, gehen auf den Strich, manche auf Eliteuniversitäten. Auch Eylem ist durch Eliteschmieden gegangen, dann aber doch nicht so geworden, wie ihre Eltern sich ihren Sohn vorgestellt hatten. Denn sie ist heute eine Frau mit Penis. Und lebt damit in der Türkei in besonders prekären Verhältnissen. Die soziale Ausgrenzung treibt Transvestiten und Transsexuelle zuerst in die Großstädte und dort 99 Prozent von ihnen in die illegale Prostitution. In Istanbul sollen es bis zu zehntausend sein. In der Nacht sind sie Objekte der Begierde, am Tag Aussätzige.

Immer wieder erzählen sie von gewalttätigen Übergriffen der Polizei und der Bevölkerung. Doch in den Medien sind es die Transsexuellen, die als Aggressoren und bisweilen als Unmenschen dargestellt werden. „Wir alle stecken in einem sehr, sehr bösen Kampf“, sagt Eylem langsam und leise. Deckung in diesem Kampf erhält die Bewegung von außen. Seit Jahrzehnten strebt die Türkei in die Europäische Gemeinschaft, 1999 erhielt sie den Kandidatenstatus. Vergangenen Oktober wurden schließlich die Verhandlungen eröffnet. Die Menschenrechtssituation spielt dabei eine herausragende Rolle. Zwar sind Rechte für Homosexuelle kein Beitrittskriterium, doch eine Gesellschaft definiert sich nicht zuletzt durch ihren Umgang mit Minderheiten. Das gilt besonders, wenn sie auf dem Prüfstand steht.

„Natürlich ist es traurig, dass die Veränderung von außen kommt“, sagt Yener Bayramoglu. „Aber wir müssen die EU für unsere Freiheit benutzen.“ Der 22-jährige Student in Bluejeans und T-Shirt wirkt wie der Junge von nebenan. Yener ist homosexuell und eines von zwanzig aktiven Mitgliedern bei Lambda Istanbul. Die älteste und größte Vereinigung für Homosexuelle in der Türkei wurde 1993 gegründet, nachdem die Stadt Istanbul die geplante Veranstaltung zum Christopher Street Day, dem traditionellen Feiertag der Lesben- und Schwulenbewegung, verboten hatte. Heute verkehren rund achtzig Personen in den Räumlichkeiten von Lambda. Es gibt eine Bibliothek, ein Filmarchiv und eine Telefon-Hotline.

Hier rufen verzweifelte Eltern und ihre verzweifelten Söhne und Töchter an, die allesamt die Aufklärung und Beratung suchen, die es von öffentlicher Seite nicht gibt. Lambda Istanbul wurde erst im Mai die Offizialität zugestanden. Gesetzesänderungen im Hinblick auf die Umsetzung des „Acquis Communautaire“ der Union haben dies ermöglicht. Der Gang zum Gericht des Istanbuler Gouvernements, um ein erneutes Verbot der Organisation zu erwirken, ließ nur wenige Tage auf sich warten. Man bemüht wiederum die Unvereinbarkeit mit der Moral.

Und das zuständige Gouverneursbüro hält sich bedeckt. Um eine Stellungnahme zu bekommen, muss man persönlich vorstellig werden, ein Formular mit Fragen ausfüllen und schließlich per Post absenden. Eine Antwort kann dauern. Die Entscheidung soll aber noch im September fallen. Aktivist Yener ist zuversichtlich: Eine Schließung könne sich die Türkei vor der EU nicht leisten. „Wir werden gewinnen“, sagt er und verweist auf den Präzedenzfall von Kaos GL.

Auch diese in Ankara stationierte Vereinigung von Homosexuellen sollte vergangenen Herbst aus „moralischen“ Gründen geschlossen werden. Nur wenige Wochen nachdem sie einen offiziellen Status erhalten hatte. „Homosexuell zu sein, bedeutet nicht, unmoralisch zu sein“, stellte der Staatsanwalt jedoch überraschend fest. Er verwies dabei auf die Europäische Menschenrechtskonvention und verhalf der türkischen Homosexuellenbewegung so zu einem ersten Sieg über den Staat.

Die Räume und Freiheiten, die man sich in den Großstädten Istanbul und Ankara erkämpft hat, ziehen mehr und mehr Gleichgesinnte an. Beinahe wöchentlich treibt die gesellschaftliche Akzeptanz neue, bislang unbekannte Blüten wie Schwulenlokale, küssende Pärchen und sogar faire Berichterstattung in den Medien.

Am Land merkt man davon noch nichts. Einerseits, weil Homo- und Transsexuelle in die Metropolen gehen und somit den Problematisierungsbedarf mit sich nehmen. Andererseits, weil in den ruralen, strenggläubigen Gebieten der Türkei andere Probleme auf der Tagesordnung stehen. Denn wo Mädchen von ihren Brüdern im Namen der Ehre gerichtet werden, weil sie ihren Schulweg mit einem Jungen geteilt haben, beschäftigt sich die erstarkende Zivilgesellschaft zuvorderst mit den spärlich vorhandenen Alltagsrechten der Frauen. Für Schwule aus der Provinz ist oft das Internet die einzige Anlaufstelle, um sexuellen Gelüsten ihren Lauf zu lassen. Die Demonstration in Bursa sollte der erste Schritt hinaus aus den Metropolen sein. War sie dann auch. Auch wenn sie nicht stattgefunden hat.

CNN Türk und mehrere Tageszeitungen haben über die Vorfälle berichtet und ein Nicht-Thema landesweit zum Thema gemacht. Auch die in den Folgetagen abgehaltenen Solidaritätskundgebungen in Istanbul und Ankara schafften es in die Abendnachrichten und so in die Wohnzimmer der Türken. In der Bewegung ist von einem „Sieg“ die Rede.

Der hat in einem Polizeibus stattgefunden. Am heißesten Tag des türkischen Sommers. Noch bevor Bursaspor mit einem mageren 0:0 in die Fußballsaison startete. Als der Steinhagel vorbei und der erste Schock gewichen ist, umarmen Lesben und Schwule, Transvestiten und Transsexuelle einander im schaukelnden Bus, der sie aus Bursa bringt. „Wir haben standgehalten“, stimmt eine von ihnen mit tiefer Männerstimme ein türkisches Volkslied an. „Einfach war es nie und wird es nie sein.“ Und die bunte Menge erhebt Arme und Stimmen: „Wir werden weiter kämpfen.“

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